Wo sind die Zeiten? Lancia Aprilia By The Autocar, No 7, 17. Juli 1964
Dec 1, 2003, 12:19pm
Wo sind die Zeiten?
The Autocar, No 7, 17. Juli 1964
Die Lancia Aprilia, gebaut von 1936-49, ist ein automobiles Phänomen, das in seinem Ursprungsland Italien selbst heute noch nicht als alter Hut abgetan wird. Und es ist wahrscheinlich, daß das so bleiben wird, solange es Leute gibt, die sich für Geschichte und Entwicklung des Automobils interessieren.
Die Aprilia beschritt in vieler Hinsicht automobiles Neuland, auf das ihr viele Modelle und Wagen anderer Hersteller erfolgreich folgten. Sie wurde weit über die Grenzen Italiens bekannt und ging schließlich, ohne den Makel kommerziell nachlassenden Erfolgs "würdig" in den Ruhestand.
Aprilia bei der Internationalen Alpenfahrt
Warum Phänomen? Nun, die Aprilia kam von einer Firma, die für technischen Weitblick, Couragiertheit und hohe Ingenieurskunst bereits wohlbekannt war, doch mit diesem Wagen wurden so viele Entwicklungsstufen in einem genommen, daß selbst diejenigen verblüfft waren, die an Überraschungen aus dem Hause Lancia gewöhnt waren.
Und wenn ihr gleichermaßen avantgardistischer Ahne, die berühmte Lambda, Vincenzo Lancia's Reputation als brillianter Techniker weltweit begründete, so war nun die Aprilia der Schwanengesang seines automobilen Schaffens, denn er starb im Februar 1937, kurz nachdem der Wagen auf der Pariser und Londoner Automobilmesse der Öffentlichkeit vorgestellt worden war.
Neue Konstruktionsprinzipien
Primäre Konstruktionskriterien der Aprilia waren eindeutig ein außergewöhnlich günstiges Leistungsgewicht, die Möglichkeit bis zu fünf Personen zu transportieren, bei einer Geschwindigkeit von 120 km/h und niedrigem Benzinverbrauch, gepaart mit höchstmöglichen Ansprüchen an Fahrwerk und Reisekomfort. Lancia hatte damals bereits mehr Erfahrung im Bau von selbsttragenden Karosserien als jede andere Firma, doch hier setzten sie wirklich alle Hebel in Bewegung, jeder nur denkbare Karosserieteil wurde herangezogen um zur Gesamtfestigkeit beizutragen. Nichttragende Anbauteile wie zum Beispiel Kotflügel wurden so leicht wie möglich gemacht. Da sich die Türen jeder Seite ohne trennende Mittelsäule trafen (ein bereits bekanntes Lancia-Merkmal) mußten auch diese im geschlossenen Zustand mithelfen, die Karosseriesteifigkeit zu erhöhen. Die Karosserieform selbst war so gewagt und aerodynamisch, wie Vincenzo Lancia dem damaligen nur zumutete, und die Ergebnisse legen einen außergewöhnlich niedrigen Luftwiderstandsfaktor nahe. Die Aprilia hatte eine breite Spur und die Räder "an den Ecken", praktisch ohne jeglichen Karosserieüberhang.
Der Motor besaß vier Zylinder von 1352cmü, gemäß der Firmentradition in V-Form mit engem Zylinderwinkel, jedoch erstmals für Lancia mit Querstrom-Zylinderkopf und halbkugelförmigen Brennräumen.
Eine einfache obenliegende Nockenwelle betätigte vier direkt und vier indirekt (über kurze zwischengeschaltete Stoßstangen) auf die Ventile wirkende Kipphebel. Eine Anordnung, die einigermaßen komplex war und augenscheinlich eine Anzahl bewegter Teile bedingte, was zu beträchtlicher Geräuschentwicklung führen konnte, wenn die Ventilspiele nicht korrekt eingestellt waren. In den Tagen des Duce war die Qualität des italienischen Benzins sehr gering, so mußte die Aprilia mit einem Verdichtungsverhältnis von nur 5.4:1 auskommen.
Anbetrachts dessen war die Leistung von 48 PS durchaus beachtlich, und die Laufleistung zwischen Motorüberholungen war ausgesprochen hoch. Da der Platzbedarf des Motors strikt eingeschränkt war - Passagierraum hatte Vorrang - kamen einige einige interessante Kunstgriffe zur Anwendung, deren gewagtester war, die Lichtmaschine durch den Kühler durchragend anzuordenen.
Da der Kühler dabei als eine Einheit mit dem Motor montiert war, sodaß sich beide in den elastischen Aufhängungen gleich bewegten, war es trotzdem möglich die Lichtmaschine über Keilriemen direkt von der Kurbelwelle her anzutreiben.
Das Vierganggetriebe war unsynchronisiert, jedoch waren die Radsätze von drittem und viertem Gang von konstantem Eingriff, mit Betätigung über Klauenkupplungen. Der Gangwechsel der Aprilia wurde legendär, er war beinahe unglaublich schnell, leicht und einfach.
Unabhängige Radaufhängung rundum beinhaltete eine modernisierte Form der traditionellen Lancia-Teleskop-Vorderradaufhängung mit integrierten Schraubenfedern und hydraulischen Dämpfern. Einige schlechte Träume jedoch bereitete Monteuren die Heckaufhängung.
Die komplette Einheit von Differential, innenliegenden Bremsen und Aufhängungskomponenten war an zwei Querträgern montiert, welche mittels Silentblöcken an vier Punkten an der Karosserie befestigt waren. Auf diese Art konnte der Alptraum wenigstens von "unterisch" hervorgebracht werden, um bei Tageslicht bearbeitet werden zu können. Steife Zugstreben bewirkten eine definierte Radführung, mit teleskopischen Antriebswellen.
Querliegende Torsionsstäbe waren mit den Zugstreben über Keilnuten verbunden, zusätzlich war eine sehr biegsame querliegende Blattfeder, frei drehbar um einen zentralen Längszapfen, mittels flexibler Stahlkabel mit den Zugstreben unter Spannung verbunden. Die Aufhängung hatte einen sehr primadonnenhaften Charakter, war alles in Ordnung, war sie sehr, sehr gut - wenn nicht alles in Ordnung war, grauenhaft! Ich hörte sagen, daß zum Beispiel ein plötzlicher Bruch eines dieser Kabel den Wagen auf das Dach schmeißen können soll, während man friedlich auf der Geraden fährt.
Vielleicht ist das der Grund für den Namen Aprilia, denn in diesem Monat verhalten sich junge Lämmer auf sehr ähnliche Art und Weise. (Anm.d.Übers: irrige Theorie eines Engländers ohne leiseste Ahnung vom Italienischen - Aprilia ist der Name einer Stadt, nicht eines Monats. Überhaupt ist der letzte Absatz eher der Räuberpistole entsprungen. Wahrscheinlich hat die arme britische Seele ob des Lobs der vorigen Absätze einen Rappel davongetragen)
Aprilia hier in Österreich
Die meisten der in unserem Land verbliebenen Aprilias wurden zu Tode getrieben oder haben sich in rostige Abschreibposten verwandelt, ein Exemplar in wirklich gutem Zustand jedoch ist heute zweifelsohne ein absolutes Sammlerstück, ein "pièce de connoisseur."